Ein Katzenleben

Gestatten, dass ich mich vorstelle:
mein Name war Felix.
Das ist lateinisch und bedeutet auf deutsch „Der Glückliche“.
Ich hieß nicht immer Felix.
 
Einst nannte man mich Theo.
Der Name „Theo“ kommt auch aus einer anderen Sprache als der deutschen, griechisch soll das sein.
Es heißt „Gott“, aber ein Gott war ich nie.
Eher ein „ach du mein Göttchen“.
Oder so ähnlich.
„Teufel“ wäre passender gewesen, aber „Sheitan“ nannten sie mich nicht, mangels Sprachkenntnissen, vermute ich.
Das heißt nämlich „Teufel“, auf Arabisch.
Ich war nie ein echter Teufel, mit Verlaub.

Felix, der Glückliche, passte später gut zu mir.
Bevor ich es vergesse:
Ich bin jetzt da, wohin alle Lebewesen dereinst hingehen, im Land hinter der Regenbogenbrücke.

Meine Dosi bat mich um Hilfe, meinen Lebenslauf zu verfassen, und so komme ich sie jede Nacht in ihren Träumen besuchen.
Völliger Quatsch übrigens- ich bin oft bei ihr.
Sie kann mich nur nicht sehen, aber das verstehen Menschen nicht.
Sie verstehen vieles nicht, die Menschen.
Dosen öffnen, das können sie definitiv besser als ich und meinesgleichen, und Katzenklos zu reinigen verstehen sie auch ganz gut.
Meistens.

Doch zurück zu mir.
Wann ich geboren wurde, weiß ich nicht.  
Mit Zahlen kommt Unsereiner nicht wirklich zurecht- wir brauchen so etwas Belangloses nicht. Ich soll 18 Sommer gesehen haben, aber nur 17 Winter. Menschen sagen, ich wäre 17,5 Jahre alt geworden.

An meine Kindheit habe ich so gut wie keine Erinnerung.
Ich hatte Geschwister und eine liebevolle Mutter, aber weiteres kann ich beim besten Willen nicht aus meinem Gedächtnis abrufen.
Dafür weiß ich um so mehr über die darauf folgenden Zeit.

Ich war ein Tuxedo-Kater, ein „Frackträger mit Fliege“.
In Deutschland nennt man einen Tuxedo „Smoking“.
Als ob Menschen ein Kostüm tragen müssten, um zu rauchen- lächerlich. Die drehen aus weißen flachen Dingern mit braunem Zeug als Inhalt runde Stäbchen, die sie danach mit Feuer anzünden, um das Feuer ein zu atmen- wie kann man nur Feuer einatmen?
Das machen die immer und überall, wo sie grad stehen, sitzen oder liegen, unabhängig von der Kleidung.
Menschen eben…
Kurzum, ich war überwiegend schwarz gekleidet, mit einer langen, weißen Blesse auf der Stirn, weißen Schnurrpolstern und weißen Socken. Mein Bauch und Lätzchen waren auch weiß, bis auf die runde, schwarze Stelle unter meinem Hals, die wie eine Fliege aussah. Wie eine aus schwarzem Stoff von Menschen gebundene Fliege, versteht sich. Ist ein Teil des eleganten Anzuges, der "Smoking" heißt.

Das erste einschneidende Erlebnis, an das ich mich erinnere, war, dass ich von einer eigenartig riechenden Dosenöfferin in ein noch seltsamer stinkendes Zuhause gebracht wurde. Da ich immer lieb und anschmiegsam war, hatte sie mich ohne Katzenkorb in ihrem Auto mitgenommen.
Ich war artig und blieb die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz hocken.

Im neuen Zuhause lag ein schlimm miefender Mensch auf dem Sofa und rief nach mir, kaum dass ich angekommen war.
Ihr müsst wissen, dass ich keineswegs ein ängstlicher Kater war.
Mutig hüpfte ich von Dosis Armen auf einen klebrigen Fußboden…, ihh brrr!
Meine empfindlichen Ballen blieben bei jedem Schritt am Boden haften, und der Mann auf dem Sofa lachte, als ich meine vier Pfoten abwechselnd hob und schüttelte.
Später sollte ich erfahren, dass der PVC, so nennen Menschen diesen müffelnden Bodenbelag, den sie gern in ihren Wohnungen haben, immer klebte, da der Mann seine Limonaden ständig verschüttete, wenn er sich einen Druck, also eine Spritze mit irgendwas drin, gesetzt hatte.

Ein Katzenklo stand im Badezimmer, dessen Fußboden weniger klebte, dafür aber kalt war und  höchst eigenartig nach Verwesung roch.
Mir wars egal.
Ich musste vor Aufregung erst mal Pipi, und nachdem ich das Katzenklo mit, nebenbei bemerkt, viel zu wenig Streu, um mich wirklich zu erleichtern, in Besitz genommen hatte, wurde ich mutiger.

Die Dosi, die mich abgeholt hatte, saß auf einem Sessel und rauchte ein Zeug, das anders roch als das, was ich von den Dosis meiner Mutter in Erinnerung hatte.
Zugegeben, für meine feine Katzennase, die zwar weniger gut riecht als die eines Caniden, aber immer noch viermal besser als die eines Hominiden, war der Duft recht appetitlich. Er erinnerte an trockenes Heu auf einem Bauernhof, an Wildblumen und Freiheit. An Düfte, die ich nicht persönlich kannte, die jedoch in meinem genetischen Code gespeichert waren.
Ich lief vorsichtig zu ihr, um zu schnuppern.
„Da haste den richtigen Katteck angeschleppt,“ lachte der Mann, der auf der Couch lag und vor sich hin stank, „der steht auf Dope.“
Was Dope war, wusste ich nicht- nur dass es verkatzt gut roch!

Bei Einbruch der Dunkelheit verkroch ich mich unter das Sofa im Wohnzimmer. Platz genug für mich Katerkind war da. Meinen Futterplatz in der kleinen Küche hatte ich auch schnell erschnuppert. Ich war weit davon entfernt, mich hier heimisch zu fühlen, aber meine Dosis waren irgendwie…, naja, ok.

Ich blieb fast zwei Sommer bei den Beiden.

Es gab Monate, in denen es mir richtig gut ging, und Wochen, während derer ich nicht mal mehr Katzenfutter geschweige denn Käse oder Kochschinken bekam. Ich wusste, was die Uhr schlug, wenn der Dosi sich eklig riechendes Zeug in einem Esslöffel aufkochte, um es sich danach mit einer Spritze in den Arm zu jagen. Doch ich lernte schnell, dass der „Wildkräutergeruch“ eine gute Zeit für mich anzeigte.
Ich bin gehätschelt und getätschelt, aber auch getreten worden, so dass ich mich unter dem Bett versteckte und tagelang nicht hinaus wagte.
 
Wenn meine Dosis unter Drogeneinfluß hilflos in der Wohnung lagen, ließ ich es mir gut gehen
Dann nahm ich die Küche in Beschlag, plünderte die Trockenfuttervorräte. Ich lernte sogar, die Kühlschranktür zu öffnen.
Eines Morgens erwischte mich der Mann am Kühlschrank und sperrte mich zur Strafe ein paar Minuten ein. Ich weiß zwar nicht, was Minuten sind, aber ich weiß, daß es lange war.
Ich habs nie wieder getan- den Kühlschrank zu öffnen, meine ich. Das war viel zu kalt, eng und dunkel darin.

Ich gedenke des Tages, an dem ich richtig verprügelt wurde.
Meine Dosine hatte eine große Plastiktüte, mit leckererem Heu gefüllt, nach Hause gebracht. Kaum lagen meine Dosis im Bett, machte ich es mir mit dem Beutel gemütlich. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich die Tüte aufgerissen und zerfetzt. Danach wälzte ich mich genüsslich im so begehrlich duftenden Katzengras en massé.

Ich fand das große Klasse.
Wie appetitlich das roch!
Und so viel davon- viel mehr als in den 10 oder 20g Beutelchen Katzenminze, die sie manchmal mitbrachten!
Ich schlief selig und zufrieden in dem riesigen Berg Minze ein, nicht ohne zuvor das eine oder andere Gräschen gekaut zu haben.
Das fanden beide Dosis am nächsten Tag überhaupt nicht gut, und ich bekam zum ersten und einzigen Mal in meinem Katerleben eine echte Abreibung.

Diese Behandlung führte letztendlich dazu, dass ich einen neuen Dosi bekam.
Ich traute den Beiden nämlich nicht mehr über den Weg, fauchte und versteckte mich wochenlang.
Man sollte einen Vertreter der Felidae nicht hauen:
Das geht immer schief.

Vierzehn Nächte nach der "Katzengrasnacht" bekam ich einen neuen Dosi.
Ich war ziemlich verschüchtert, da mein Dosipaar mich geschlagen und getreten hatte.
Der neue Dosi war riesig groß, roch, wie ich es in der Erinnerung an meine Kinderstube hatte, und ich wusste- diesmal hatte ich bestimmt Glück!
Er holte mich mit einem Kennel ab.
Das ist ein großer Korb aus Plastik mit einem Gitter vorn am Eingang. Damals hatte ich noch keine Angst vor den Dingern.
Ich saß im Kennel, den er auf seinem Schoß im Auto festhielt und schnurrte vor Angst, Aufregung und Freude auf ein neues Zuhause.
Er würde mir nie wehtun, das erkannte ich an seinem Körperschweiß.
Obwohl er sehr bullig war, streichelten mich seine Hände durch das Gitter des Katzenkorbes. Ich wusste nicht, dass er Alkoholiker war und mich mit einem Taxi zu sich nach Hause brachte.
Ich ahnte auch nicht, dass ich schon in der kommenden Woche das Wichtigste meines Katerlebens verlieren würde- meine Bällchen.
Dabei habe ich, Pfote aufs Herz, nie, absolut niemals markiert, und darauf bin ich wirklich stolz.

Die Operation war nicht nötig, wenn man davon absieht, dass ich bei der Katzenrolligkeit auf der Fensterbank saß und nach den Mädchen rief. Zugegeben, mein Stimmvolumen war meinem Körperbau entsprechend laut.
Ist schon komisch- Menschen brüllen in den schlimmsten Tonlagen in einer Lautstärke, von der wir Feliden nur träumen können, aber regen sich über unseren seltenen Gesang auf!

Ein Tierarzt, der kurz nach meiner Kastration seine Zulassung verlor, beraubte mich meiner Bällchen. Aus Unachtsamkeit quälte er Tiere, besonders aber Katzen.
Er mochte keine Katzen.
Der Tierarzt war wirklich gemein.
Kaum hatte er mir das Fell an der Pfote abrasiert und die Narkosespritze gesetzt, fing er auch schon zu schneiden an.
Katz´, so einen Schmerz hatte ich bis dahin, und habe ihn danach nie wieder, erlebt!
Ich wehrte mich schreiend und gewalttätig, mit aller Kraft, die ich aufbieten konnte.
Seither fürchtete ich bis zu meiner letzten Sekunde Kennel und Tierärzte.
Aber das ist, wie Rudyard Kipling sagen würde, "eine andere Geschichte".

Im neuen Zuhause blitzte und glänzte alles.
Ich rutschte auf weißen Fliesen aus, was meine neuen Dosis zum Lachen brachte.
„Der erlebt zum ersten Mal, dass Fliesen auch glatt sein können“, und beide, der Mann und die Frau, lachten ordinär.
Das klang nicht nett, sondern irgendwie... anders.
Ich stutzte. Sollte ich hier wirklich ein besseres Zuhause haben als vorher?
Die Stimmen von Menschen verraten mehr über sie, als sie denken.
Besser, ich verzog mich erst mal und peilte die Lage aus geschützter Position.
Spätabends wollte ich wie immer unters Bett, aber ins Schlafzimmer durfte ich nicht.
Ich jammerte und kratzte an der verschlossenen Tür, zu meinen neuen Dosis schielend. Die fanden das gar nicht gut.
Dosine beförderte mich mit einem leichten Tritt von der Tür weg.

Also… , so was!
Ich lasse mich nicht treten.
Ich bin Theo, der Gott!
Also fauchte ich, ging in Kampfstellung, und die Frau trat nun richtig zu.
Ich flog durch die Luft und krachte an die gegenüberliegende Wand. Das tat wirklich weh!
Der Mann schimpfte mit der Frau und gab ihr eine Ohrfeige.
Woraufhin sich beide lautstark stritten.
Eine Kakophonie unterschiedlich schriller Geräusche in meinen sensiblen Ohren- grauenhaft!
Ich verkroch mich auf die Toilette, wo auch mein Klo stand.
Ich zog es vor, im Klo zu schlafen.
 So viel besser als zuvor würde ich es hier wohl nicht haben- Kater kann sich auch irren.

Am nächsten Tag wachte ich auf, weil ein kleiner Dosi mich am Schwanz aus dem Katzenklo zu ziehen versuchte. Ich fauchte, aber als ich sah, dass es ein Menschenkind war, erwachte mein Beschützerinstinkt. Ich kletterte aus dem Katzenklo, gab samtpfötiges Köpfchen und umschnurrte das Menschenwesen. Ich freute mich, dass es jemanden gab, der freundlich zu mir war.
„Der ist ganz lieb, Mamma, gugg´ doch mal!“ rief der kleine Junge und hielt mich im Arm, was ich mir gern gefallen ließ. Der kleine Dosi roch gut, lecker und einfach angenehm.
„Setz´ den Kater weg, sonst kriegste eine geklatscht“, erwiderte sie unfreundlich und zog ihn aus dem Bad, nicht ohne noch einmal gegen die Katzentoilette zu treten.
Ich erkannte sofort:
Hier habe ich nur einen echten Freund- das Menschenkitten.

Der Mann, der mich abgeholt hatte, war auch mein Freund. Er schmuste, spielte mit mir.
Aber nicht allzu lange.
Dann holte er einen Hund ins Haus.
Der war von Stund´ an wichtiger als ich.

...

Copyright beim Autor, März 2010

 

 

Fortsetzung folgt

NUR EIN STREUNER

 

Du warst noch nicht alt. Vielleicht sieben oder acht Jahre, vielleicht jünger.

Dein schwarzweißes Fell stand dir nicht besonders gut. Dein Bruder, ebenfalls ein Streuner, der sogar einen Namen hatte, sah viel besser aus. Nach menschlichem Geschmack.

Du warst stark. Ein Bolz aus dem Bilderbuch: Kraftstrotzend, muskulös und ziemlich groß für eine normale Hauskatze. Dein Hauptrevier war ein Garagenhof mit dahinter liegendem verwilderten Garten in Bochum, Stadtteil Langendreer. In der Nähe des ehemals größten Güterbahnhofs Deutschlands. Dein getigerter Bruder war zutraulicher als du, ließ sich aber auch nicht gern anfassen.

Dein Lieblingsplatz war die Motorhaube meines alten, anthrazitfarbenen Autos, das die Sonnenwärme anzog, so dass es einen begehrten Sonnenplatz für einen freilebenden Kater wie dich darstellte. Manchmal, wenn du in der Sonne auf der Haube döstest, schlich ich mich leise wie eine Samtpfote an dich heran und streichelte dich kurz. Mit einem entsetzen Kreischen sprangst du auf und warst im Bruchteil einer Sekunde im Gebüsch auf dem Hof verschwunden.  Ich wohnte ein halbes Jahr im Haus, zu dem der Garagenhof gehörte, als du pötzlich immer dünner wurdest. Du magertest ab, wurdest klein und zierlich wie ein Katzenkind.

Eines frühen Winterabends standest du maunzend vor der Haustür, riebst deinen Kopf an meinem Bein und betteltest um Einlass. Als ich die Tür aufschloss, ranntest du sofort hinein, vor mir die Treppe hinauf in die erste Etage. Du drehtest dich immer wieder um, als wolltest du dich vergewissern, dass du nicht zu weit voraus läufst. Ich ließ dich in meine Wohnung. Du sahst dich vorsichtig um, liefst dann zielstrebig ins Wohnzimmer und sprangst auf den Ledersessel mit der Wolldecke. Dort kuscheltest du dich ein. Dein Fell war verschmutzt und dein Geruch zeugte von Krankheit und Fäulnis.

Ich holte ein Schälchen mit frischem Wasser, stellte es auf die Armlehne des großen Ledersessel in meinem Wohnzimmer vor deine Nase. Du schlecktest gierig das Wasser, aber es wurde nicht weniger. Mir fiel auf, dass deine Nase vereitert war und du keuchend atmetest. Du hattest eine schlimme Form von Katzenschnupfen mit entzündeter Luftröhre. Ich holte ein angefeuchtetes Handtuch aus der Küche und putzte dir vorsichtig das Gesicht und die verschmutzten Fellstellen. Du lecktest dankbar an meiner Hand, rolltest dich zusammen und schliefst schwer atmend ein.

Später versuchte ich es mit lauwarmer Milch und Honig, aber du konntest nicht schlucken. Sogar das eilends gekaufte Katzenklo benutztest du nicht.

Am nächsten Tag fragte ich katzenerfahrene Nachbarn, was ich tun sollte. Eine Nachbarin sagte, du gehörtest ins Tierheim; eine andere meinte, ich müsse dich zum Tierarzt bringen. Katzen, die nichts riechen, fressen auch nicht und magern ab, können sogar verhungern.

Ich behielt dich drei Tage bei mir. Tage, während der du nichts fressen konntest und nichts trankst, immer apathischer wurdest und den Ledersessel nur ein einziges Mal verlassen hast. Eines Nachmittages musste ich längere Zeit am Rechner im Wohnzimmer verbringen und rauchte ein paar Zigaretten.

Du rafftest dich mit letzter Kraft auf, sprangst vom Sessel und schlepptest dich ins rauchfreie Schlafzimmer, in dem auch im Winter stets die Fenster geöffnet sind. Dort hüpftest du auf mein Bett und keuchtest vor Atemnot und Erschöpfung. An diesem Nachmittag stand für mich fest, dass ich mit dir zum Tierarzt fahren würde.

Am darauffolgenden Tag bat ich nach der Arbeit in der nahegelegenen Tierarztpraxis um einen Kennel,  steckte dich ahnungsloses Lebewesen zuhause in Selbigen, fuhr mit dir zum Tierarzt. Du sahst mich irritiert an und zittertest vor Angst.

Auf dem Untersuchungstisch aus kaltem Metall wehrtest du dich mit aller Kraft, die du noch hattest. Die war nicht gerade wenig. Die Tierärztin nahm eine Blutprobe und untersuchte sie als Erstes auf FIV, Felines AIDS.

Als sie in den Behandlungsraum zurück kam, schüttelte sie ernst den Kopf. Es wäre nichts mehr zu machen. Du warst schon ausgetrocknet, und selbst Antibiotika und Wassereinspritzungen unter dein Fell hätten deine Leiden nur verlängert. Ganz zu schweigen davon, dass du nie ein Hauskater werden würdest, selbst wenn du den Katzenschnupfen überlebtest und kastriert wirst. Du würdest nie wieder in die Freiheit dürfen, da du andere Katzen mit dem unheilbaren Virus anstecken konntest.

FIV verändert die Persönlichkeit von Katzen, so wie es bei dir geschehen war. Ohne die Viruserkrakung  hättest du die Nähe von Menschen bis in den Tod gemieden.

Die Entscheidung, dich gehen zu lassen, fiel mir unendlich schwer.

Dann schauten wir uns an. In deinen Augen lag jener wissende Ausdruck, den auch Menschen haben, wenn ihre Zeit kommt. Nichts Tierisches spiegelte sich mehr in ihnen, sondern ein fast schon menschliches Erkennen der unvermeidlichen Wahrheit. Mir war als würde ein unsichtbares Band zwischen dir und mir entstehen, getragen nur durch unseren Blick. Mir kamen die Tränen. Ich fragte dich stumm, was ich tun sollte. Du schütteltest unmerklich den Kopf; vielleicht habe ich mir das auch eingebildet:

„… und ich habe dir vertraut- vertrau nie einem Menschen!“

Meine Tränen liefen.

Die Tierärztin und die Praxishelferin sahen sich an in stillem Einverständnis. Plötzlich konnte ich ihre Gedanken lesen- das ist nie und nimmer ein Streunerkater, den die Frau hierher gebracht hat!              Und doch war es so. Ein Streuner, der sich entschieden hatte, seine letzten Tage bei mir in der Wohnung, im Warmen, mit Streicheleinheiten zu verbringen.

Schließlich nickte ich unter Tränen, deinen Blick festhaltend.

Du bekamst die Schlafspritze. Erst hocktest du auf allen Vieren. Dann legte dich die Praxishelferin auf die Seite. Die Tierärztin überprüfte deinen Herzschlag und meinte, du wärest schon so sehr geschwächt, dass die Schlafspritze allein ausreichen würde, dein Leben zu beenden.

Ich weinte hemmungslos. Sah dich in meiner Erinnerung auf der Motorhaube meines dunklen Autos liegen, dein geschecktes Fell von der Sonne gewärmt.

Sah dich durch den Garten pirschen, eine noch ahnungslose Maus im Visier.

Sah dich mit deinem getigerten Bruder friedlich unter der Krüppelkiefer liegen, sofern nicht gerade Rolligkeit der Katzendamen angesagt war.

Sah dich an eine der Garagentüren krachen, wenn dein Bruder dich durch die Luft wirbelte und hörte dich schreien, wenn du dich umgehend schlagkräftig revanchiertest. Sah euch beide aus einer Schale Wasser trinken, sah, wie ihr euch gegenseitig das Fell putztet.                                    

Die Tierärztin meinte, ich solle gehen, das Ende wäre nicht immer friedlich. Ich drehte mich ein letztes Mal um. Du lagst entspannt auf dem kalten Metalltisch, fast so, als wärest du bereits nicht mehr hier. Welch´ kläglicher Abgang für einen stolzen Kater wie dich, dachte ich. Dann drehte ich mich um und verließ die Praxis.

Meine Tränen liefen noch, als ich nach Hause fuhr, und weiter an jenem Tag, bis in die Nacht hinein.

Am späten Abend zündete ich eine Kerze für dich an. Auf dass ihr Licht dich sicher über die Regenbogenbrücke geleitete.

Dorthin, wo immer Frühling herrscht, wo sich all unsere Freunde treffen, wo keine Maus gefressen, keine Ratte gesteinigt wird, keine Katze verbrannt und kein Hund zu Versuchen missbraucht wird. Dorthin, wo alle Pferde saftiges Gras, die Vögel Hirse in Hülle und Fülle finden und die Menschen sorgsam auf ihre Schritte achten, damit sie nichts Lebendes zerstören.

Du warst nur ein Streuner…

 

(c) beim Autor 09.2010

ISBN BXID: spinnmeise_1283517728.9492290020   

 

 

 

 

Grüße aus dem Regenbogenland

 

"Hallo Dosine, warum weinst du schon wieder?

Ich versprach dir doch, daß ich oft bei dir bin, du mich nur nicht sehen kannst! Frag Susi, oder die große Bunte, Lily mit Namen, die ich dir schickte, damit du wieder einen Vertreter der Felidae in deinen Armen halten kannst, wenn du schläfst. Susi wird für noch lange Zeit nicht in deinen Armen liegen. Die Beiden sehen mich immer, wenn ich auf deinem Schoß am Schreibtisch liege- das ist der einzige Grund, warum sie nicht hoch hüpfen.

So einfach ist das.

Menschen erforschen alles, nur nicht das Leben.

Was du noch nicht weißt, aber vielleicht vermutest, so dumm wie viele Vertreter der menschlichen Rasse bist du nicht, sonst hättest du keine Felidae als Mitbewohner in deinem Zuhause:

Wir Wesen hinter der Regenbogenbrücke kennen keinen Schmerz. Wir kennen auch keinen Hunger oder Durst. Wir sind, einfach so.

Unvorstellbar für euch Menschen:

Zu sein, ohne Bedürfnisse zu haben. Für die Menschen hinter der Regenbogenbrücke gilt das genauso. Die sind immer sehr überrascht, wenn sie hier ankommen und alles so angenehm still ist. Mit Stille meine ich die Abwesenheit von Gefühlen.

Gefühle aller Art können viel Ärger und Schmerz bereiten. Sie können sogar so laut schreien, dass manche Menschen nur mit Watte in den Ohren zu schlafen vermögen und einige Canidae und Felidae mit über die Ohren gelegten Pfoten. Aber wem schreibe ich das...

Das Einzige, was uns hier im Regenbogenland umgibt, ist eine angenehme, wohltemperierte, gefühlsfreie Stille. Wenn du wüßtest, was die Regenbogenbrücke wirklich bedeutet, wärest du bestimmt schon hier. Und mit dir alles andere Leben vom Fegefeuerplaneten Erde. Fegefeuer- ausnahmsweise mal eine treffende menschliche Beschreibung für Hunger, Durst, Kälte, Angst, Liebe, Sehnsucht und Schmerz.

Das gibt es hier nicht. So etwas fühlst du nur, wenn du einen Körper hast. Daher darf kein Wesen vor dem Übergang erfahren, wie schön es im Regenbogenland ist.

Ich habe eine Menge Freunde hier.

Beileibe nicht nur Felidae. Ehemalige Artzugehörigkeiten spielen keine Rolle, wenn du im Land hinter dem Regenbogen bist.

Wir sind. Das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger.

Mein bester Kumpel ist Apo. Dann gibts natürlich noch Lupo, der ganz klasse ist, und Asi, euer Name dafür ist Equus Africanus oder Asinus.

Apo war eine Waldmaus, euer Name Apodemus Silvanus, und Lupo war natürlich Lupus Lupus, also ein Wolf.

Asi war in seinem letzten Leben ein Esel, und auch Lago, Lagopus Mutus, ist echt gut drauf. Ach so, Lago war ein Waldhuhn, das einem Jäger zum Opfer fiel.

Fast wie die „Bremer Stadtmusikanten“, nicht wahr? Hier ist jedoch noch eine Maus, die im Märchen nicht vorkommt. Der eine oder andere Hominide zählt zu meinem Bekanntenkreis, aber die können nichts Wichtiges beisteuern.

Die anderen Wesen können wunderbar philosophieren.

Über Menschen und menschenähnliche Lebewesen, zum Beispiel.

Wie dumm die sich anstellen, wenn sie über die Regenbogenbrücke gehen!

Gucken sich ständig um, wundern sich darüber, daß sie keine Gefühle mehr haben und suchen ständig nach ihnen. Dabei weiß doch alles Leben, daß hinter der Regenbogenbrücke nur Friede, Wärme und Stille herrschen! Die Menschen und ihre Anverwandten verhalten sich überall seltsam. Auf der Erde ebenso wie hier- unglaublich, aber verständlich.

Wer sein ganzes Leben auf die Anschaffung von Vorräten ausrichtet, hat kaum Zeit, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben auf der Erde und außerhalb der sichtbaren Zone nachzudenken.

Wenn sie endlich bemerkt haben, daß im Regenbogenland andere Regeln gelten, daß Hühner nicht zum Essen und Katzen nicht zum Mäusefangen, Esel nicht als Lastenträger und Wölfe nicht als Hofhunde taugen, sind sie ausgesprochen nett.

Das dauert allerdings…

Ich habe kürzlich einen Hominiden kennengelernt, der seine frühere Lupa wiedertraf. Der war verwundert, daß sie ihn mit freundlicher Gleichgültigkeit behandelte. Als er sie fragte, ob sie sich denn nicht an all die schönen Dinge erinnere, die sie miteinander erlebt hätten, sagte sie liebevoll:

Ich habe die Tage und Wochen vergessen, während derer du mich vor der Kneipentür stundenlang hast warten lassen. Herzlich willkommen, und dann trollte sie sich ihres Weges, zu ihren Freunden.So ist das hier. Der Hominide gehört jetzt übrigens auch zu meinem Freundeskreis.

Anfangs war es echt schwierig, ihn zu integrieren. Der glaubte lange Zeit, dass er nur vorübergehend hier weilen würde- das Sein wäre ein schlechter Traum. Jetzt kommt er langsam zurecht. Du kennst den übrigens- er ist ab und an in deinen Träumen, obwohl ich ihm riet, nicht zu dir zu gehen. Er hat noch einen Rest Sehnsucht in sich, aber das wird bestimmt bald vorbei sein.

Ich soll dich von den anderen grüßen.

Das Wesen, was deine Mutter war, ist wieder unterwegs, ich weiß nicht, wohin. Ich hatte es kurz getroffen, als es an mir vorüber ging, zurück in die Form des Empfindens. Arme Seele- so alt und immer noch auf der Suche…  Dein Freund von vor vielen, vielen Jahrzehnten ist schon wieder hier. Zum x-ten Mal, soweit ich weiß. Der kapiert es nie, daß Leben auf der Erde kein Kindergeburtstag ist.

Obwohl- man kann das auch anders sehen. Manche Wesen lieben Schmerz und Leid. Die ertragen den Frieden und die warme Stille nicht. Ich kann das nicht nachempfinden, aber wahrscheinlich bin ich noch nicht lange genug hier.

Die anderen Hominiden, die du kanntest, sind froh, einen Ort gefunden zu haben, an dem Ruhe herrscht. Der Typ, der damals den Mist mit dir anstellte, ist hier geblieben. Der will nie wieder zurück, und das glaube ich ihm. Er ist der einzige Hominide, der schon viel länger hier ist als ich, von Asi abgesehen, und der immer noch nicht zurück will.

Viele wollen irgendwann wieder zurück in den Schmerz, das Licht und das Elend. Vor allem die Hominiden. Nur wenige Felidae möchten  das, soweit ich mich hier auskenne.

Bislang kann ich nicht verstehen, warum viele Wesen dorthin möchten, obwohl Lupo mir immer öfter mitteilt, daß er des Wohlbehagens überdrüssig wird.

Ich glaube, mit dem Gang über die Regenbogenbrücke verlieren die Meisten von uns das Gedächtnis an die schlimmen Dinge, die uns auf der Erde erwarten.

Asi ist sehr lange hier.

Er ist einer der Ältesten meines Freundeskreises.

Doch selbst er erinnert sich an etwas, das so schön gewesen sein muß, daß er ab und an mit dem Gedanken spielt, es noch einmal zu versuchen. Auf die Erde zurück zu kehren. Das ist nur ein Gedankenspiel. Er will nicht wirklich dorthin. Er weiß genau, was ihn erwartet, und daher bleibt er hier. Er hat keine Lust, als Haflinger und damit Schlachtvieh zurück zu kehren, oder gar als Katze oder Dino- das ist ihm verständlicherweise zuwider.

Die Rückkehr ist immer ein Risiko:

Ein neuer Anfang. Zeit und Raum sind relativ. Du weißt nie, was dich erwartet; als was du geboren wirst. Das Schlimmste daran ist, daß du nicht weißt, wann und wo... Stell´ dir nur vor, ich werde ein Kleinpferd, zu einer Zeit vor den Menschen!

Wie soll ich diesen Körper bedienen? Wer hat Appetit auf mich?

Für wen bin ich Beute?

Oder gar als Mensch im europäischen Mittelalter- ach, große Katz´! So unsauber und so krank wie Menschen in Europa damals waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen- niemals! Ich war eine Katze, und Sauberkeit geht über alles.

Lieber Asien vor 100 Jahren?  Dort werde ich als Hund gemästet und irgendwann gewaltsam des Körpers beraubt- auch keine überzeugende Vorstellung.

Zu dir zurück? Könnte ich, wenn ich wollte.

Aber nicht als Katze.

Für einen Menschen warst du nett, als Dosine besser als die beiden Anderen. Ich weiß, dass du mich liebtest und ich liebte dich auch, aber zwischen unser beider Gefühlen diesbezüglich bestand ein großer Unterschied: Ich war auf dich angewiesen- du nicht auf mich.

Ich will nicht zurück.

Wahrscheinlich nie wieder.

Liebe Dosine, mit geht es hier ausgezeichnet. Mein Körper mag vermodert sein, aber mein Wesen ist sehr oft bei dir. Daher weine nicht um mich. Fast hätte ich gesagt, weine lieber um dich, die du noch im Tal der Tränen bleiben mußt. Sei dir gewiß, eines Tages kommst auch du in das Land der Wärme, der ewigen Stille.  Ich werde nicht mehr dein Schoßkater sein wie früher, wenn wir uns wiedersehen, sondern ein gleichberechtigtes Lebewesen, wie wir alle immer und überall, auch auf der Erde, sind und waren. Für die Menschen wird es zu lange dauern, dies zu verstehen.

Sie werden sich irgendwann selbst vernichten.

Damit sind sie nicht die Einzigen, die auf dem Planeten Erde herumgelaufen und -gekrochen sind. Manchmal denke ich, dass die Dinos die heutigen Menschen sind. Diese gibt’s hier kurioserweise fast nicht, was mich zwar nicht berührt, aber zum Denken anregt.

Fressen, zerstören und sich dann wundern, wenn es nirgends mehr einen Unterschlupf gibt….

… klingt fast wie ein Märchen von unserem Uropa, der ein Archaeopterix war.

Er ist der einzige Dino, den ich kenne. Er gehört nicht zu meinem Freundeskreis. Mal ist er hier, mal da. Allerdings  beschreibt er immer genau, was passiert, wenn… Genug damit.

Bis dahin hat es noch Zeit.

Menschen sind fast so erfindungsreich wie wir anderen Lebewesen.

Ihr kommt schon klar!

Ich grüße dich voller Wärme

Sternenkater Felix

copyright @ autor spinnmeise 08.2012

 

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